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Titel
Die Bedeutung von Schrumpfung für das polyzentrale Siedlungssystem in Ostdeutschland / von Doris Schütt
VerfasserSchütt, Doris
Begutachter / BegutachterinGiffinger, Rudolf ; Zech, Sibylla ; Voigt, Andreas
Erschienen2010
Umfang113 Bl. : graph. Darst., Kt.
HochschulschriftWien, Techn. Univ., Dipl.-Arb., 2010
SpracheDeutsch
DokumenttypDiplomarbeit
Schlagwörter (DE)Polyzentrismus / Ostdeutschland
URNurn:nbn:at:at-ubtuw:1-43495 Persistent Identifier (URN)
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Die Bedeutung von Schrumpfung für das polyzentrale Siedlungssystem in Ostdeutschland [1.38 mb]
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Zusammenfassung (Deutsch)

Von 1949 an ist die Bevölkerung der DDR geschrumpft. Die Angst vor Massenabwanderung führte 1961 zum Bau der Mauer, welche das Land vom Westen abgrenzte. Bis zu diesem Jahr hatte die DDR über zwei Millionen Menschen durch Abwanderung verloren. Von 1961 bis zur Öffnung im Jahr 1989 waren es eine halbe Million Einwohner. (vgl. Kress 2008: S. 239 ff.) Mit der Wende kam es zur Umstellung von Zentralverwaltungs- auf Marktwirtschaft. Die Wirtschaftsstrukturen waren der abrupten Veränderung nicht gewachsen. Die Folgen der Entwicklung waren der massive Rückgang der Industrieproduktion und die Stilllegung von nichtprofitablen Betrieben und ganzer Industriezweige. Zahlreiche Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz. (vgl. Oswalt und Rieniets [Hrsg.] 2006: S. 147) Auch nach der Wende sind daher über eine Million Menschen abgewandert. (vgl. Kress 2008: S. 243) Noch heute sind aufgrund der Entwicklungspfade in vielen Bereichen signifikante Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland erkennbar. Durch die lange Zeit bestehenden Unterschiede der politischen und wirtschaftlichen Bedingungen haben sich erhebliche Disparitäten herausgebildet. Deren Beseitigung gilt als wichtiges Ziel der deutschen Raumordnung. Aktuelle Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung sagen jedoch für die neuen Bundesländer Deutschlands eine weitere Abnahme der Bevölkerung voraus.

Mit Ausnahme der Wachstumsringe um die Städte Berlin, Halle, Leipzig und Jena und einer stabilen Situation um Dresden gilt die gesamte ehemalige DDR auch weiterhin als Schrumpfungsgebiet. (vgl. Kress 2008: S. 237) Dadurch entstehen Probleme bei der Aufrechterhaltung der Versorgung.

Nach dem Überblick über die Entwicklung von der DDR bis heute folgt die Beschäftigung mit Einflussfaktoren der Entwicklung städtischer Agglomerationen und deren Verteilung im Raum (Industriestandorttheorie von Weber, Theorie der zentralen Orte von Christaller und Theorie der Marktnetze von Lösch). Anschließend werden regionale Wachstums- und Entwicklungstheorien betrachtet. Konkret werden die unterschiedlichen Sichtweisen von neoklassischer Theorie und regionaler Polarisationstheorie auf Schrumpfungsprozesse herausgearbeitet. Im Gegensatz zur Neoklassik, die ausschließlich ausgleichende, negative Rückkoppelung kennt, wird in der Polarisationstheorie von parallel auftretender positiver Rückkoppelung gesprochen, die eine verstärkende Wirkung hat. (vgl. Maier et al. 2006: S. 80 ff.) Zur Erklärung von Schrumpfung wird häufig die Polarisationstheorie angewendet. (vgl. Giffinger und Kramar 2008: S. 12) Myrdal nennt dieses Gegenkonzept zu den Ausgleichsprozessen der neoklassischen Theorie zirkulär verursachter kumulativer Prozess. Im Sinne eines Teufelskreises kommt es durch Rückwirkung auf die ursprüngliche Abweichung zur Verstärkung von Prozessen. Impulse in positiver oder negativer Richtung kumulieren über die Zeit zu stabilen Unterschieden in der Entwicklung.

(vgl. Maier et al. 2006: S. 80) Die Rekonstruktion der Entwicklung von der DDR bis heute zeigt, dass ein zirkulär verursachter kumulativer Prozess vorliegt. Ursache und Wirkung lassen sich daher nur schwer trennen. Für Ostdeutschland wurden als Einflussfaktoren von Schrumpfungsprozessen Strukturwandel, historischer Wandel der Produktion, demografischer Wandel und wirtschaftliche Transformation ermittelt. Als Ursachen ließen sich Arbeitsplatzverlust und Suburbanisierung identifizieren. Unter Schrumpfung wird in dieser Arbeit der Bevölkerungsverlust verstanden. Die Folgen wurden schließlich in ökonomische, kommunale, städtebauliche, demografische und Umweltfolgen untergliedert. Danach werden aktuelle Lösungswege skizziert.

Als wichtigstes Konzept zum Umgang mit dem Schrumpfungsproblem ist der Polyzentrismus zu sehen, der seit Mitte der 1990er Jahren in der Europäischen Union (EU) als eines der wichtigsten Leitbilder gilt. (vgl.

Schindegger und Tatzberger 2002: S. 5) Die mit Polyzentrismus hauptsächlich in Verbindung gebrachten Ziele sind "Disparitäten zwischen Städten verringern" und "Wettbewerbsfähigkeit von Stadtregionen stärken". (vgl. ESPON Monitoring Comitee 2005: S. 208 ff.) Die Beseitigung von Unterschieden nimmt in der deutschen Raumordnung einen hohen Stellenwert ein. Die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse wurde bereits im Raumordnungspolitischen Orientierungsrahmen des Jahres 1993 festgelegt. (vgl. Bundesministerium für Bauwesen, Raumordnung und Städtebau [Hrsg.] 1993: S. 3) In aktuellen Dokumenten wird versucht, Ausgleichs- und Entwicklungsziele zu vereinen. In diesem Zusammenhang spielt das Leitbild des Polyzentrismus eine bedeutende Rolle. Es erhebt den Anspruch, einerseits die Versorgung zu sichern und gleichwertige Lebensverhältnisse zu ermöglichen, andererseits die Wirtschaftsentwicklung sinnvoll zu steuern. Dem Leitbild liegt das Netz zentraler Orte als Bezugssystem zugrunde. Die Regelungen dazu unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. In den Landesentwicklungsplänen, die Festlegungen zum Zentrale-Orte-Konzept enthalten, wird der Rückgang der Bevölkerung zumindest als Rahmenbedingung genannt. Obwohl die eigentliche Aufgabe des Systems zentraler Orte die Sicherung der Daseinsvorsorge ist, enthalten die Pläne Bestimmungen, welche die Entwicklung betreffen. Die Analyse von Finanzausgleich und Förderpolitik ergibt, dass das Konvergenzziel immer noch Vorrang vor dem Wettbewerbsziel hat.

Abschließend wird empfohlen, eine Nachhaltigkeitsüberprüfung von Infrastruktureinrichtungen einzuführen, das System zentraler Orte flexibel zu gestalten, die Kooperation von Städten und Kommunen bei Eignung der funktionalen Struktur zu forcieren, eine bessere Finanzausstattung zentraler Orte zu gewähren, klare Vorgaben des Bundes in der Förderpolitik zu realisieren und das Ziel, eine Umkehr der negativen Bevölkerungsentwicklung zu erreichen, nicht aus den Augen zu verlieren.

Zusammenfassung (Englisch)

From 1949 the population of the GDR (German Democratic Republic) had shrunk. The fear of mass drift had led to the construction of the wall, which separated the country from the west, in 1961. Up to this year the GDR had lost more than two million people by drift. From 1961 to the opening up in 1989 these had been half a million inhabitants.

(cf. Kress 2008: p. 239 ff.) With the political change it came to the conversion of planned economy into market economy. The economic structures had not been able to cope with the sudden change. The results of the development were the massive decline of the industrial production and the closing of non-profitable companies and whole industrial branches. Numerous employees lost her job. (cf. Oswalt und Rieniets [ed.] 2006: p. 147) Hence, after the political change over a million people had moved away. (cf. Kress 2008: p. 243) Today significant differences between East and West Germany are still recognizable in many areas because of the developing paths. Considerable disparities of the political and economic conditions have developed due to the long existence of differences. Their removal is an important aim of the German regional planning. Nevertheless, topical forecasts for the population development predict another decrease of the population in the new federal states of Germany. With the exception of the growth rings around the cities of Berlin, Halle, Leipzig and Jena and a stable situation around Dresden the whole former GDR is still regarded as a shrinking area. (cf. Kress 2008: p. 237) The consequences are problems with the maintenance of the supply. After the overview of the development of the GDR till today we are preoccupied with the factors of influence of the development of urban conurbations and their distribution in the space (industrial location theory of Weber, theory of the central places of Christaller and theory of the market nets of Lösch). Afterwards regional theories of economic growth and developing are the subjects of interest. The different perceptions of the neoclassical theory and the regional polarisation theory of shrinking processes are brought out. In contrast to the neoclassical theory, which knows exclusively compensatory, negative back coupling, the polarisation theory knows parallel appearing, positive back coupling, which has a strengthening effect. (cf. Maier et al. 2006:

p. 80 ff.) The polarisation theory is often applied to the explanation of shrinking. (cf. Giffinger und Kramar 2008: p. 12) Myrdal calls this counterdraft to the balance processes of the neoclassical theory a circular cumulative process. In the sense of a vicious circle it comes to the strengthening of processes by repercussion on the original divergence. Impulses in positive or negative direction accumulate to stable differences in the development over the time. (cf. Maier et al.

2006: p. 80) The analysis of the development of the GDR till today shows that a circular caused cumulative process is given. Hence, it is difficult to separate cause and effect. Structural changes, historical change of the production, demographic changes and economic transformation are determined as factors of influence in the shrinking processes of East Germany. As causes job loss and suburbanisation can be identified. The population loss is understood as shrinking in this work.

The results are subdivided into economic, municipal, urban development, demographic and environmental effects. Finally the topical solution ways are outlined.

The most important concept to treat the shrinking problem is polycentrism, which is valid as one of the most important role model in the European Union (EU) since middle of the 1990s. (cf. Schindegger und Tatzberger 2002: p. 5) The aims primarily associated with polycentrism are "reduce disparities between towns" and "strengthen competitiveness of conurbations". (cf. ESPON Monitoring Comitee 2005: p. 208 ff.) The removal of differences takes a high value in the German regional planning. The creation of equivalent living conditions had been fixed in the regional planning-political orientation frame of 1993. (cf.

Bundesministerium für Bauwesen, Raumordnung und Städtebau [ed.] 1993: p.

3) Topical documents try to unite balancing objectives and development objectives. In this connection the role model of polycentrism plays an important role. On the one hand, it makes the claim to safeguard the supply and to allow equivalent living conditions, and on the other hand, to steer the economic development appropriate. The net of central places forms the basis of the role model as a system of reference. The related regulations differ from federal state to federal state. In the land development plans, which contain determinings about the concept of central places, decline of the population is at least mentioned as a basic condition. Although the real task of the system of central places is the protection of the providing for one's life, the plans contain regulations, which concern the development. The analysis of revenue sharing and support politics proves that the convergence aim still has precedence before the competition aim.

Finally it is recommended to introduce a lastingness examination for infrastructure facilities, to keep the system of central places flexible, to push ahead the cooperation of towns and local authority districts with suitability of the functional structure, to grant central places a better finance equipment, to realize clear guidelines of the Federal Republic in the support politics and to don't lose the aim, to reach a turning back of the negative population development, out of sight.