Titelaufnahme

Titel
Integration sozialer Minderheiten in den urbanen Transformationsprozess in Istanbul, Sulukule / von Katharina Forster
VerfasserForster, Katharina
Begutachter / BegutachterinRaith, Erich
Erschienen2010
Umfang190 S. : zahlr. Ill., graph.Darst., Kt.
HochschulschriftWien, Techn. Univ., Dipl.-Arb., 2010
SpracheDeutsch
DokumenttypDiplomarbeit
Schlagwörter (DE)Urbane Transformation / Sulukule / Interventionen / Rückaneignung von Raum / Istanbul / Potentiale / Szenarien
URNurn:nbn:at:at-ubtuw:1-41563 Persistent Identifier (URN)
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Integration sozialer Minderheiten in den urbanen Transformationsprozess in Istanbul, Sulukule [43.8 mb]
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Zusammenfassung (Deutsch)

Im Rahmen meiner Diplomarbeit beschäftige ich mich mit der Integration sozialer Minderheiten in den urbanen Transformationsprozess in Istanbul am Beispiel des Stadtteils Sulukule.

"Eine Reihe von Bezirken wie Sulukule, ökonomisch wenig entwickelt und ethnisch auffällig, stehen im Zentrum der Stadterneuerung. Die Umstrukturierung dieses heruntergekommenen Bezirks bedeutet hier keine Verbesserung der materiellen und sozialen Bedingungen, sondern die Vertreibung der Bewohner_innen, um Projekte zu verwirklichen, die den Wert für den städtischen Markt steigern(...) Dabei nutzen lokale und ausländische Investor_innen Istanbuls Image als Marketing - Instrument und bedienen urbane Ängste (Terrorismus, Erdbeben, Unsicherheit), um städtische Säuberungen und Umstrukturierungen durchzusetzen." (Pelin Tan, Istanbul: Widerstand im Stadtteil und gegenkultureller Raum, Grundrisse 30, 2009) Istanbul befindet sich in einem Transformationsprozess, der unter Anderem im Zuge der europäischen Kulturhauptstadt 2010 versucht, den zentrumsnahen urbanen Raum touristisch konsumierbar und für eine soziale Mittelschicht ökonomisch verwertbar zu machen. Zum Einen handelt es sich dabei um große Prestigeprojekte, wie Hochhäuser, Hotels, Stadien und den Ausbau von Transportmitteln und zum Anderen um den Abriss und die Erneuerung ganzer Stadtteile, wie Tarlabasi, Süleymaniye oder Sulukule, deren Bewohner_innen Großteils von urbaner Armut betroffen sind und durch den Abriss ihrer stark segregierten Wohnbezirke aus dem zentrumsnahen städtischen Leben ausgeschlossen und in die Peripherie zwangsversiedelt werden sollen.

Die Bewohner_innen von Sulukule sind Teil der ältesten Romasiedlung Europas und ihre reiche Geschichte ist stark mit dem Areal, welches sich direkt an der Stadtmauer der historischen Halbinsel Istanbuls befindet, verknüpft. Die Stadtverwaltung plant an Stelle des historisch gewachsenen, multikulturellen Stadtteils ein Projekt zu verwirklichen, welches ein kaufkräftiges Klientel anziehen soll und mit osmanisch-klassizistischen Fassaden, lediglich den Schein historischer Gebäude reproduziert. In meiner Arbeit möchte ich mich der Frage widmen, was geschieht, wenn der "schöne Anblick", Sauberkeit und Sicherheit von Stadtteilen als Argumente gegen soziale Gruppen dienen, eine "Politik der Ästhetik" über eine "Politik des Überlebens" gestellt wird und die unbehaglichen, chaotischen Interaktionen des urbanen Raumes unter Kontrolle gebracht und durch nostalgische urbane "Disneyland - Landschaften" ersetzt werden.

Des Weiteren befasse ich mich mit der Frage nach Interventionsmöglichkeiten, um auf Basis eines emanzipatorischen Ansatzes einen Rückaneignungsprozess der repressierten Nachbarschaft Sulukule zu ermöglichen.

"Die einzige Möglichkeit mithilfe des Einbringens (oder Wiedereinbrigens) eines gewissen Pluralismus auf das Funktionieren des zentralisierten Staates einzuwirken, liegt in der Herausforderung der zentralisierten Macht durch "lokale Mächte", in der Fähigkeit kommunaler oder regionaler Kräfte zu Handlungen, die in direktem Zusammenhang mit den jeweiligen Gebieten stehen. So ein Widerstand oder solche Gegen-Aktion tendieren zwangsläufig dazu unabhängige territoriale Einheiten zu stärken und zu schaffen, Einheiten, die sich bis zu einem gewissen Grad selbst verwalten können." (AnArchitektur zitiert nach Henri Lefebvre, Die Produktion des Raumes) In diesem Zusammenhang werden zuerst die historischen Gewordenheiten und momentanen Rahmenbedingungen, des urbanen Kontextes Istanbuls geklärt und analysiert. Dabei sind vor allem Faktoren der Urbanisierungsgeschichte wichtig, die zur heutigen Wachstumsexplosion der Metropole führten, ebenso wie deren Hintergründe und Dynamiken, welche zum Großteil durch die Eigenproduktion von Wohnraum der Land - Stadt - Migrant_innen entstanden.

Auf der Basis dieser Urbanisierungsanalyse wird versucht, den Kontext des Stadtteils Sulukule zu erfassen und zu verstehen. Des Weiteren folgt eine maßstäbliche Annäherung und Analyse an den Stadtteil und dessen Teilbereiche mit den jeweilig möglichen Potentialen und Gefahren. Dabei berücksichtigte Ebenen sind die Grenzen und deren Umgebung, die Infrastruktur, die relevanten Zentren für die Nachbarschaft, die Straßen und die bevorzugten Wohntypologien der Bewohner_innen.

Erst durch die Analyse des Bestandes ergeben sich mögliche, Interventionspunkte, welche in unterschiedliche Prozesse strukturiert und folglich näher ausgeführt werden. Die Strukturierung folgt der Logik unterschiedlicher Prozessanstöße, welche sich durch die Dringlichkeit der Aktion, durch die Herangehensweisen und die möglichen Akteur_innen auszeichnen.

In der Schlussfolgerung wird aufgezeigt, welche Auswirkungen diese Interventionen auf eine vielseitigere und bereichernde (Frei-)Raumstrukturierung im Vergleich zur vorangegangenen Situation und dem geplanten Projekt der Stadtverwaltung haben können.