Titelaufnahme

Titel
Die Bar : in Betrachtung von soziokulturellen Codes, raumsoziologischen und atmosphärischen Details / von Nina Zurek
VerfasserZurek, Nina
Begutachter / BegutachterinDangschat, Jens
Erschienen2009
Umfang118 S. : zahlr. Ill., Kt.
HochschulschriftWien, Techn. Univ., Dipl.-Arb., 2010
SpracheDeutsch
DokumenttypDiplomarbeit
Schlagwörter (DE)Bar / Soziologie / Architektur / Körperhaltung / Codes / Atmosphäre / Kommunikation / Bühne / Akteure / Verhaltensmuster
URNurn:nbn:at:at-ubtuw:1-31460 Persistent Identifier (URN)
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Zusammenfassung (Deutsch)

Die Definition der Bar hat sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt. Bis zum 19.Jahrhundert hatte die Bar einzig und allein die Bedeutung der Bartheke. An der Theke wurde Warenhandel betrieben und in Folge dessen konnte auch schnell im Stehen ein billiges, meist alkoholisches Getränk konsumiert werden. Erst danach entstanden durch den gesellschaftlichen Wandel Bars für den ,reichen Mann', der sein zweites Wohnzimmer in etablierten Bars fand. Die heutige Bezeichnung der Bar als "Räumlichkeit des Ausschanks und zur Einnahme von Getränken, an einem Ausschanktisch" ist daher noch sehr jung und hat mittlerweile mehr die Bedeutung der Lokalität selbst bekommen. Ursprünglich spricht man in Bezug auf die Theke von einem Hindernis, das sowohl eine schützende, als auch eine absperrende Funktion einnimmt. Es trennt den Besucherraum vom Arbeitsraum und stellt jedoch gleichzeitig die Verbindung zwischen Gast und Barkeeper dar. Serviert werden an der Bartheke bunte alkoholhaltige Mixgetränke. Man steht, lehnt oder sitzt an der Bar, um ein Teil des Bargeschehens zu sein. Gesellschaftliches Trinken im öffentlichen Raum löst schließlich ein Gemeinschaftsgefühl aus. Die Gäste treten durch Gespräche oder Blicke in Verbindung. Man kann als Gast wiederum bloß zur reinen Beobachtung das Ambiente einer Bar genießen. Das Spektakel rund um die Bar besteht meist im Sehen und Gesehen werden. Die Bararchitektur und die Ausstattung beeinflussen den ersten Eindruck, der entweder ein Wohl- oder Unwohlgefühl auslöst, welches die Besucher und Besucherinnen automatisch selektiert.

Die Bar spielt eine wichtige gesellschaftliche Rolle und spiegelt das wider. In der Musik, denkt man sofort an Frank Sinatra, einsam an der Bartheke lehnend. Zahlreiche sehr berühmte Bars existieren nur im Film.

In Filmen, wie Shining, Blue Velvet, Lost In Translation, My Blueberry Nights, Fallen Angels, Film Noir, uvm. bekommt die Bartheke eine bedeutende Rolle. Die Bartheke ist oft der Ort, an dem zwei Charaktere einander erstmals begegnen und sich nähern. In Lost in Translation treffen Scarlett Johansson und Bill Murray sich an der Hotelbar. Beide sitzen vor ihrem Drink an der Theke und nehmen durch Zunicken und das Heben der Gläser - ein Vorgang, der Sympathie signalisieren soll - Kontakt auf. In My Blueberry Nights ist die bekannte Kussszene des Liebespaares auf dem Tresen. Dean Martin sagte einst: "Du bist nicht betrunken, solange du auf dem Boden liegen kannst, ohne dich festzuhalten". In seinem Fall könnte das Umklammern der Fußstange der Bar gemeint sein. Edward Hoppers berühmtes Gemälde Nighthawks stellt ebenso die Bar ins Zentrum. In der Literatur gestehen namhafte Schriftsteller wie Jack London, Luis Buñuel, Ernest Hemingway und Heiner Müller ihre Liebe zum Alkohol und zur Bar. Jedes Land, jede Gesellschaftsschicht, jede Zeit hat in der westlichen Kultur ihre jeweilige Bar mit "ihren mehr oder weniger berühmten Gästen, ihrer Beziehung zum Studentenleben, zur Politik und zur Kunst". In der Bar wird geredet, politisiert, getanzt, gefeiert, gelacht, geweint und ge-trunken. Dröge / Krämer-Badoni bezeichnen das Bartreiben als "eine ganze Kultur die gelebt wird, wie immer man im einzelnen zu dieser stehen mag". Es erklärt sich von selbst, warum es in Ländern, in denen Alkohol meist aus religiösen Gründen verboten ist, keine eigene Barkultur gibt. Die orientalische Bar ist genau betrachtet deswegen ein Paradoxon.

Die Bar funktioniert wie eine Bühne, die sich Akteure und Zuseher teilen. Die Bühne wird zum Zuschauerraum und der Zuschauerraum zur Bühne. Die Bar, betrachtet man sie als geteilte Bühne, lässt ein Wechselspiel der Akteure zu. An der Bar sind die Akteure der Barkeeper bzw. der Gast. Die Frauen bzw. Männerrolle der Personen vor und hinter der Bar ist geprägt von der Bartypologie. So nimmt die Frau allein an der Bartheke schneller eine anrüchige Position ein als der Mann. Selten steht eine Frau als Barkeeper hinter der Theke, häufig übernimmt sie die mindere Rolle der Abwäscherin, während hingegen der Mann die Hauptrolle des Cocktail-shakenden Entertainers mimt. Wer steht eigentlich auf der Bühne? Ist es der Barkeeper beim Zubereiten der Cocktails oder doch der Gast im Frank Sinatra Kostüm? Die Bar steht also als Schranke zwischen zwei Bühnen oder als Wechselspiel unter den Akteuren und Zuschauern? Die Theke dient als Bühnenbild, die Flaschen und Gläser dienen als Requisiten. Der gewissenhafte Barkeeper übernimmt nebenbei die Rolle des Souffleurs und flüstert dem betrunkenen Gast, der aus seiner Rolle gefallen ist oder Textprobleme bekommen hat, diskret die Anzahl seiner Drinks und seinen Abgang zu. Bars sind Bühnen, die gesellschaftliche Prozesse des städtischen Lebens aufweisen. Ich wollte wissen, wie die Bar als Institution entstand und was man heute unter einer Bar versteht. Warum ist die Bar ein Magnet? Gibt es Regeln, die eine Bar zu einer funktionierenden Bar macht? Und welche sind diese Regeln? Nun stellt sich auch die Frage, ob die Bar einzig und allein ein Möbelstück ist? Der Mensch nimmt gewisse Verhaltensmuster an, wodurch seine Körperhaltung bestimmt wird. Schlussendlich gilt es zu erkunden, wie die Architektur auf den Menschen wirkt und welche Verhaltensmuster dadurch ausgelöst werden. Gegenläufig betrachtet, wie nimmt die Architektur Körperhaltungen auf? Der Austausch zwischen Mensch und dem umgebenden gebauten Raum gehört zu den bedeutendsten Aspekten von Architektur. Was ist der Auslöser für die Bar als Magnet? Wie werden Atmosphären in diesem speziellen Raum geschaffen? Haben Atmosphären eine Auswirkung auf das Verhalten der Menschen und wodurch bestimmt die Architektur Atmosphäre?