Titelaufnahme

Titel
Fabelhafte Räume : die Narrativität der Architektur im antiken Rom und in Las Vegas / Alexander Knoop ; Frank Rödl
Weitere Titel
Fabulous spaces - the narrativity of architecture in ancient Rome and Las Vegas
VerfasserKnoop, Alexander ; Rödl, Frank
Begutachter / BegutachterinAlsop, William ; Arnold, Markus ; Raith, Erich
Erschienen2007
Umfang495 Bl. : Ill.,
HochschulschriftWien, Techn. Univ., Diss., 2008
Anmerkung
Text teilw. dt., teilw. engl.
Anmerkung
Zsfassung in engl. Sprache.
SpracheMehrsprachig
Bibl. ReferenzOeBB
DokumenttypDissertation
Schlagwörter (DE)Architektur / Raum / Erzählung / Narrativ / Bewegung / Performativ / Kontingenz / Inszenierung / Bühne / Rom
Schlagwörter (EN)architecture / space / narration / narratology / motion / performance / script / stage / Rome / Las Vegas
Schlagwörter (GND)Architektur / Raum / Narrativität / Interaktion / Rom / Las Vegas, Nev. / Architektur / Raum / Inszenierung <Motiv> / Performanz <Linguistik> / Architektur / Raum / Bewegung / Kontingenz
URNurn:nbn:at:at-ubtuw:1-15493 Persistent Identifier (URN)
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Fabelhafte Räume [19.37 mb]
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Zusammenfassung (Deutsch)

Diese Arbeit unternimmt den Versuch, Raum mit Konzepten aus der Erzähltheorie zu untersuchen. Damit fügt sie sich in eine Reihe von interdisziplinären Ansätzen ein, die Erzählstrukturen in unterschiedlichen Medien thematisieren; gemeinsam ist den verschiedenen Ansätzen die Einschätzung, dass durch Erzählungen Bedeutungszusammenhänge, Erklärungen und Werte produziert werden. Damit ist bereits das Potenzial angesprochen, dass die Autoren der vorliegenden Arbeit in einer narratologischen Auseinandersetzung mit Architektur sehen: Raum auf seinen Erzählcharakter hin zu untersuchen ermöglicht es zum einen, die Handlungs- und Bedeutungszusammenhänge zu thematisieren, die dieser Raum anbietet. Zum anderen erweitert sich der Fokus auf den Nutzer des Raumes, der diese Zusammenhänge mitgestaltet und individuell interpretiert. Den Gegenstand der Untersuchung bilden mit dem antiken Rom und dem modernen Las Vegas denn auch zwei Städte, deren Architektur durch narrative Strukturen geprägt ist, die auf die Interaktion zwischen Raum und Nutzer ausgelegt sind. Ausgehend von einem Forschungsüberblick über bestehende interdisziplinäre Ansätze zur Medienunabhängigkeit von Erzählungen diskutiert diese Arbeit sechs Problemfelder anhand von Einzelstudien. Jede bereitet separat theoretische Grundlagen auf und untersucht davon ausgehend Fallbeispiele im antiken Rom und in Las Vegas. Die Einzelstudien betrachten die räumliche Erzählung zunächst in ihrer Eigenschaft als Struktur; anschließend wird ihr Prozesscharakter untersucht. Abschließend werden mit der Einbindung narrativer Räume in das Alltagsleben und der Bedeutung von Zielgruppen zwei Aspekte diskutiert, die den narrativen Raum im sozialen Kontext verankern. Die These, die diese Arbeit anhand von Beispielen aus dem antiken Rom und Las Vegas entwickelt, besagt, dass die räumliche Erzählung nicht allein das Produkt der Planer, d.h.

der Bauherren und Architekten, ist, sondern wesentlich von den Nutzern des Raumes mitbestimmt wird. Der Nutzer ist nicht nur der Rezipient der räumlichen Erzählung, sondern auch ihr Co-Autor. Das erste Kapitel der Einzelstudien diskutiert die Möglichkeit, im Raum narrative Handlungsstrukturen festzulegen und dadurch einzelne räumliche Elemente in einen Bedeutungszusammenhang zu stellen. Dabei wird die Auffassung vertreten, dass die Planer mit dem gebauten Raum lediglich Vorgaben schaffen, innerhalb derer sich verschiedene narrative Handlungs- und Bedeutungszusammenhänge entwickeln können. Voraussetzung für das Zustandekommen der Interaktion zwischen narrativem Raum und Betrachter, so die These des zweiten Kapitels, ist das In-Bewegung-Setzen der räumlichen Erzählung. Während die literarische Erzählung durch das Lesen eines Textes, den narrativen Akt, in Bewegung gesetzt wird, wird die räumliche Erzählung durch die Bewegung des Nutzers im Raum erzeugt. Der Nutzer befindet sich sozusagen in der Erzählung und verknüpft aufeinander folgende Ereignisse zu einer motivierten Abfolge. Bedeutung und Wirkung existieren dabei nicht per se, sie sind lediglich im Raum angelegt: der Raum ist ein Wirkungspotential, das erst während des Lesevorganges vom Rezipienten aktualisiert wird. Das dritte Kapitel greift auf die Kognitionswissenschaften zurück, um die Rezeption räumlicher Erzählungen zu untersuchen. Narrative Zusammenhänge zwischen einzelnen räumlichen Ereignissen sind, so die These, eine mentale Konstruktionsleistung des Rezipienten, der auf visuelle Informationen und auf stereotype Erwartungsschemata zurückgreift. Das vierte Kapitel diskutiert anhand des Performativitätsbegriffs, wie Handlungen des Publikums zum wesentlichen Bestandteil räumlicher Erzählungen werden.

Dabei zeigt sich ein grundsätzlicher Dualismus: Einerseits ist das performative Publikum als Mitproduzent des narrativen Raumes vom Bauherren erwünscht, andererseits kann kontingentes Verhalten die Entstehung der vom Bauherren inszenierten Erzählung nachhaltig verändern. Das fünfte Kapitel erörtert, ausgehend von soziologischen Konzepten zur Selbstrepräsentation, den narrativen Raum als Teil des täglichen Lebens seiner Nutzer. Einerseits integrieren die Nutzer den narrativen Raum in ihre persönlichen Erzählungen und nutzen ihn für ihre eigene Selbstdarstellung; damit wird er ein Teil von persönlichen Erzählungen, die unabhängig von den Interessen des Bauherrn sind.

Andererseits prägen die im narrativen Raum angelegten Handlungsabläufe und Rollenzuschreibungen das Alltagshandeln und das Selbstverständnis der Nutzer. Das sechste Kapitel untersucht, welche Folgen sich aus der Ausrichtung des narrativen Raums an spezifischen Adressaten ergeben. Die Orientierung an Zielgruppen bewirkt eine voneinander abweichende, spezifische Gestaltung der Räume. Dabei zeigt sich, dass die Erwartungen dieser Gruppen auf die Gestalt der Räume im antiken Rom und in Las Vegas mehr Einfluss haben, als die individuellen Präferenzen und Wünsche der Bauherren und Architekten.

Zusammenfassung (Englisch)

The present thesis tries to explore spaces with concepts from narratology. In so doing, it fits in a range of interdisciplinary approaches that discuss the issue of narrative structures in different media; these diverse approaches share the supposition that narrations generate contexts, explanations and values. This point already alludes to the potential the authors of the present work see in a narratological examination of architecture: exploring space concerning its narrative character means on the one hand dealing with the correlating actions, meanings and explanations the space offers. On the other hand, the scope is broadened to include the user of the space, who is actively involved in developing those correlations. Accordingly, ancient Rome and Las Vegas, the objects of this research, are two cities featuring an architecture that is marked by narrative structures designed for interactions between space and user. The first part of the thesis explains what is to be understood by the term "narration". An overview of current research examines interdisciplinary approaches dealing with the independence of narrations from specific media and applying the concept of narration to spatial contexts. Furthermore, the choice of the case studies ancient Rome and Las Vegas is justified and their particular temporal and spatial scopes are defined. The second part comprises six individual studies on complexes of problems. Each study separately explores theoretical foundations on the basis of which the case studies from ancient Rome and Las Vegas are analysed. The individual studies firstly discuss narrative space as a structure; afterwards, the processual nature of spatial narratives is explored.

Finally, by analysing the integration of spatial narratives in day-to-day life and by examining the relevance of target group orientation, two aspects are discussed that de-scribe narrative space as an integral part of the social context. The hypothesis this thesis develops by means of examples from its case studies suggests that spatial narratives are not only a product of the planners, but that the users also actively participate in their development. Hence, the user is not just the addressee of the spatial narrative, but its co-author. The first chapter discusses the possibility of determining narrative action structures within narrative space and thus putting several spatial elements in a context. Here, it is argued that builder-owners and architects merely create guidelines for different narrative contexts of action and meaning to develop. The second chapter suggests that a basic prerequisite for an interaction between narrative space and observer consists in the spatial narrative being set in motion. While a literary narration is set in motion through the reading of a text, i.e. the narrative act, spatial narratives are generated by a mobile spectator.

The user is, so to speak, in the story, where he links successive events to a motivated sequence. Thus, meaning and effect are not there per se, but exist virtually in the space: the space is a set of instructions and a potential effect that is realised, actualised and interpreted individually in each spectator's reception process. The third chapter draws on cognitive science in order to explore the reception of spatial narratives. It suggests that narrative connections between several spatial events are a mental construction of the recipient, who resorts to visual information and stereotypical patterns of expectation. Using the concept of the performative, the fourth chapter explores how actions of the audience become an essential component of spatial narratives.

Here, a fundamental dichotomy becomes apparent: On the one hand, the audience is desired by the builder-owner as a co-producer of narrative space; on the other hand, their contingent behaviour can strongly influence and disturb the development of the owner's spatial narrative.

Starting from sociologist concepts concerning the self-presentation in every-day life, the fifth chapter discusses the narrative space as part of its users' daily life. On the one hand, the users integrate the built stories into their personal stories and employ them when presenting themselves. As a consequence, the narrative space becomes part of numerous personal narratives that are independent of the builder-owner's interests. On the other hand, however, the action sequences and the attribution of roles suggested by the narrative space shape the users' everyday actions and self-conception. The sixth chapter explores the consequences arising from narrative spaces being directed towards specific addressees. The target group orientation causes a varying, specific design of the narrative spaces. It thus becomes apparent that the expectations of the target groups have more influence on the gestalt of narrative spaces in ancient Rome and Las Vegas than the owners' and planners' individual preferences.